Die Gemüsehändlerin
Seitdem ich hier lebe, seit über einem Jahr also, besorge ich die Gemüse bei einer älteren Händlerin, die einen kleinen Stand in einer Gasse in der Nähe von meinem Wohnblock hat.
Ich sage, sie wäre älter. Gut möglich, dass sie zehn Jahre jünger wäre, als ich. Sie hat aber wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang schwer körperlich gearbeitet, oft im Freien, und ich glaube auch nicht, dass sie je irgendwelche Kosmetika gebraucht hätte.
Obwohl wir beide so unterschiedliche Frauen sind, unterhalten wir uns immer gerne kurz, wenn es gerade keine anderen Kunden am Stand gibt. Ich weiß dann schon, dass sie immer allein mit ihrem kleinen Lieferwagen hierher aus ihrem Dorf kommt, und dass sie selber alle Kisten ausstellt – und sie auch später wieder in das Auto einräumt. Dass sie sonst auch noch oft auf dem Acker arbeitet. Obst und Gemüse einlegt. Wann findet sie Zeit dafür, Kräfte, und einfach noch Lust?
Sie lebt so abgefunden, würde ich sagen. Wenn es mal Hitze gibt, freut sie sich über die Sonne. Wenn es regnet, denkt sie an die Pflanzen. Sie findet wahrscheinlich ihre Arbeit am Stand so etwas wie eine Erholung, denn wenn niemand gerade da, setzt sie sich auf den Hintersitz ihres Autos, isst etwas, oder raucht. Sie ist immer freundlich und guter Laune, deswegen begrüßen sie mit Sympathie viele Passanten, wenn an ihrem Stand unterwegs, auch wenn sie an dem Tag selber nichts zu kaufen brauchen.
Die Gemüsehändlerin schaut mich immer aufmerksam an. Woran denkt sie dann? Dass ich mich auf dem Lande zu nichts eignen würde, so winzig klein und zart? Oder dass sie mal früher auch so eine Dame aus der Stadt sein wollte, es ging aber nicht? Und ich freue mich über diese Bekanntschaft. Ich bewundere die einfache Lebensfreude dieser Frau, und ihre ruhige Zufriedenheit. Vielleicht werde ich mich damit mal anstecken können. :)
(Titelbild aus dem Internet)
Kommentare (10)
Liebe Christine,
deine Geschichte gefällt mir gut.
Eine Begegnung zwischen zwei Frauen, die sehr unterschiedlich sind und dennoch einen guten Draht zueinander verspüren.
Ich denke, dass die Gemüsehändlerin sehr zufrieden lebt. Sie umgibt sich mit Produkten aus der Natur, mit der sie schon aufgewachsen ist. Damit verdient sie ihren Lebensunterhalt und hält Kontakt zu den Menschen. Bei einigen fühlt sie sich als Mensch wahrgenommen und nicht nur als Händlerin....du bist wahrscheinlich eine dieser Kunden.
Ich sehe sie als starke Frau.
Liebe Grüße
Ingrid
@Winterbraut
Auf den Punkt, liebe Ingrid: sie ist sicher eine starke Frau, mit dieser weiblichen Stärke, die sie nicht unbedingt männlicher werden lässt, als die Männer selbst.
Ich habe mir auch noch gedacht, dass sie mich an meine liebe Schwiegermutter erinnert, die leider längst schon nicht mehr da ist. Meine Schwiegermutter lebte zwar in einer Großstadt, ihr Kosmos war aber ihr Haushalt, viel mehr brauchte sie nicht. Trotzdem war sie eine auf ihre eigene Art kluge Frau. Wir waren auch total anders, konnten uns aber stundenlang unterhalten, und es gab nie Ärger zwischen uns beiden.
Solche Menschen, denn es sind nicht immer nur Frauen, gewinnen viel Sympathie und Respekt. Echt menschlich eben, im besten Sinne des Wortes.
Mit herzlichen Grüßen
Christine
Liebe Christine,
Deine Gemüsehändlerin muss, neben der körperlichen Arbeit, ihren Tagesablauf gut planen und deshalb immer flexibel sein. Bei Sturm und Starkregen wird sich der Standaufbau erst gar nicht lohnen.
Sicher steht sie an den anderen Wochentagen noch auf anderen Märkten, damit der Verkauf überhaupt rentabel ist. Es fallen ja auch noch die Kosten für Standgebühren und Benzinverbrauch an. Dazu zählt auch der Schwund der Ware durch Verderblichkeit.
Zu ihren Stärken zählen sicher nicht nur die Frische und gute Qualität des Gemüses, sondern auch ihre menschliche Freundlichkeit und Zuverlässigkeit, um ihre treuen Stammkunden zu halten. Diese fleißige Frau hat tatsächlich Respekt verdient.
Ich denke, sie kann stolz und zufrieden auf ihre Leistung sein, denn sie arbeitet selbständig an ihrem eigenen Erfolg. Schön, dass Du darüber berichtet hast.
Herzliche Grüße
Rosi65
@Rosi65
Ich weiß nicht, liebe Rosi, ob sie auch woanders tätig wäre... Ich nehme an, sie steht in dieser Gasse da zwischen 8.00 und 16.00 Uhr - nach 16.00 ist sie nicht mehr zu sehen.Und es stimmt auch, dass sie an stark regnerischen Tagen gar nicht aufmacht. Wenn es aber nur leicht regnet - dann zieht sie sich dementsprechend dicht an, und los an die Arbeit. 😊
An so einem Tag haben wir eben mal so eifrig geplaudert, dass ich meinen Kartoffelbeutel habe auf dem Boden stehen lassen (ich brauche beide Hände, um bezahlen zu können), und dann vergessen, weg. In diesem Regen und Wind musste ich dann zurück, denn ich wollte meine Kartoffelchen unbedingt zum Mittagessen haben. Die Bäuerin lachte, und erzählte, sie hat meinen Einkauf erst auf dem Boden stehen bemerkt, als ich eben um die Ecke verschwand, zu spät zu rufen. So gab es an dem Tag etwas Lustiges für und beide.
Mit herzlichen Grüßen
Christine
Vielleicht, liebe Christine, ist es die Naturverbundenheit, die ihr diese Zufriedenheit verschafft und die sie als Bäuerin ja auf jeden Fall hat. Vielleicht liegt es aber auch noch in ihrem Naturell. Nicht immer etwas anderes wollen als das, was man hat, da könnte ich mir gut vorstellen, dass das zufrieden und ausgeglichen macht. Bei ihr würde ich auch gerne einkaufen. Danke fürs erzählen und herzlichen Gruß von
Brigitte
@Roxanna
Liebe Brigitte, du hast sicher Recht, diese nette Frau macht den Eindruck, total zufrieden mit ihrem Job, mit ihrer Lebenssituation zu sein. Ich glaube, sie musste schon als Kind im Bauernhof helfen, es ist also nichts Neues für sie, und einfach gewöhnt.
Anders als ich.😊 Als ich noch Schülerin war, zur Zeit des Sozialismus also, mussten wir jedes Jahr in einem Staatsbauernhof (so etwas wie die LPG in der ehemaligen DDR) einen Tag bei der Kartoffelernte arbeiten. Ich war danach gewöhnlich mehrere Tage lang einfach krank, viele andere Kinder oder Jugendliche auch. Das ging nicht, ohne ein Training vorher.
Mit herzlichen Grüßen
Christine
Liebe ChristineLaechel,
Deine so großartige "WERTSCHÄTZUNG" für diese Gemüse-frau, ist sehr berührend. Wie auch Deine Gedanken dazu, mich sehr nachdenklich machten.
Vielleicht kommst Du dazu, Eure kurze Unterhaltung, mal zu verlängern?
Um zu erfahren, woher sie ihre "Kraftquelle" nimmt?
Mit Freude und fürs Teilen Deiner Erfahrung,
dankt herzlichst
💖lichst Renate-🐞
@ladybird
Liebe Renate, es freut mich, dass Dir mein Eintrag über diese besondere Bekanntschaft gut gefallen hat. Ob wir beide, die sympathische Bäuerin und ich, mal eine Gelegenheit haben werden, auch länger zu sprechen? Mal sehen. 😊 Heute war ich wieder da, kein Gespräch aber, denn mehrere Kundinnen waren auch da. Ich besuche den Stand aber immer wieder, denn hier kann ich beste Kartoffeln bekommen: nach dem Kochen gleichmäßig weich, gelb. Lecker.
Mit herzlichen Grüßen
Christine
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