Die fremde Frau
möchte vor die Tür
und doch
wie gebannt
versucht er
die Fremde mit einem Lächeln
zu erreichen
sie streicht über den Stadtplan
der ausgebreitet vor ihr
auf dem Tisch liegt
unschlüssig
blickt sie immer wieder
auf ihr Handy
das keinen Mucks von sich gibt
zitternd
führt sie das Glas zum Mund
zwischen Wut und Schmerz
fühlt sie sich
verraten, benutzt
Scham schleicht sich ein
Opfer eines Truges
war sie nie zuvor
Draußen
haucht er
den Rauch in die kalte Nacht
sieht sie
durch beschlagene Fensterscheiben
fühlt ihre Traurigkeit
die er selbst
aus vergangenen Jahren kennt
Regentropfen
klopfen ihm schwer
auf die Schulter
und während er die Kippe
in den Ascher drückt
überlegt er
wie weit er laufen muss
den Schirm
aus dem Wagen zu holen
entschlossen
verstaut sie Plan und Handy
in ihre viel zu große Tasche
ihre Hände vergraben sich darin
holen einen verknitterten Schein
hervor
den sie neben das leere Glas legt
dann eilt sie zur Garderobe
als hätte sie Angst
Wichtiges zu versäumen
Er steht neben ihr
wie selbstverständlich
hilft er ihr in die Jacke
erschrocken hält sie ein
nimmt die beruhigende Stimme wahr
und sein Lächeln
*
überarbeitet 08/2026
Foto und Text (C) Ingrid Bezold
Kommentare (8)
Meine liebe Ingrid,
Frauen nehmen sich ernstlich alles zu Herzen und leiden darunter.
Männer hingegen nehmen vieles auf die leichte Schulter.
An Ende bleibt ein Fragezeichen
Wünsche dir eine erholsame neue Woche, ❤️ lichst Marlen
@Marlen13
Diese Frau hat gerade eine Trennung hinter sich und wartet vergebens auf eine versöhnliche Nachricht des Mannes, der in dieser ihr fremden Stadt wohnt.
Als sie entschlossen ist, loszulassen, hilft ihr der " Beobachter" in die Jacke. Er hat auch eine gescheiterte Beziehung hinter sich...
Danke für deinen Kommentar, meine liebe Marlen und herzliche Grüße zu dir
von Ingrid
Diese Frau hat ein grottenschlechtes Erlebnis gehabt. Fast wie nach einem Schock sind ihre Nerven total aufgewühlt, denn sie zittert ja immer noch.
Das Getränk muss sie natürlich selber bezahlen. Wechselgeld? Unwichtig!
Hilflos und unkonzentriert sucht sie auf der Karte nach einem Ausweg, vielleicht den direkten Weg zum Bahnhof, damit sie aus dieser fremden Stadt herauskommt. Nur schnell weg von hier! Und ausgerechnet ihr Handy hat sich auch noch gegen sie verschworen.
Gleich wird sie auch noch durch den strömenden Regen laufen müssen, denn einen Schirm wird ER ihr bestimmt nicht holen. Selber schuld, wird die Frau dabei denken.
Doch um ihre aufgewühlten Emotionen richtig verarbeiten zu können, und auch ihr Selbstwertgefühl wiederzufinden, wird sie noch lange, sicher viele Wochen benötigen.
Gut geschrieben, liebe Ingrid.👍
Viele Grüße
Rosi65
@Rosi65
Danke für deine Interpretation zu meiner kleinen Geschichte.
Interessant!
Mit Freude gelesen
und liebe Grüße in die neue Woche
Ingrid
Liebe Ingrid, spannend, eine geheimnisvolle Atmosphäre... Was wird etwa daraus?
Ich musste aber auch schmunzeln, denn ich habe mich an deine Warnung in meinem letzten Eintrag erinnert. Da habe ich also auch eine:
Bevor mit einem fremden Mann
steigst in sein Auto irgendwann,
denk dreimal nach - und lieber nicht.
Er kann ja sein ein Bösewicht.
😨😉
Mit herzlichen Grüßen
Christine
@Christine62laechel
...das End habe ich gerne offengelassen. Die Leser können eigene Fantasien einsetzen wenn sie möchten.
Deinen Reim werde ich beherzigen, liebe Christine. Ich lass mich nicht von fremden Männern locken ( in diese Situation werde ich wohl gar nicht kommen))))
Danke und heitere Grüße
von Ingrid
@Winterbraut
Liebe Ingrid, ein offenes Ende finde auch ich immer am besten.
Meine scherzhafte Warnung ist zwar als 2. Person Singular verfasst, natürlich aber nicht persönlich gemeint. Und ja, ein Bösewicht kann schon mal interessant vorkommen, trotzdem - 😊
Liebe
Marlen, U.Petri,Flaklander,Rosi65,Distel1fink7, Sommerzauber und Songeur
Vielen Dank euch allen
Ingrid