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Die Farbe deiner Worte
Kapitel 3 – Dritter Satz
Am nächsten Morgen war der Flur leer. Kein Umschlag vor der Tür, nur der Geruch von kaltem Stein, ein dünner Faden Herbstluft, die unter der Schwelle hindurchglitt. Clara blieb einen Moment stehen, als müsse sie erst begreifen, dass heute nichts auf sie wartete. Dann schloss sie auf, stellte Wasser auf, drückte den Schalter der Kaffeemaschine. Das vertraute Klacken wirkte plötzlich überlaut in der stillen Küche.
Sie setzte sich an den Tisch und ließ den Blick über die Fensterbank streifen. Dort lag noch die zweite Karte, der Satz, den sie nicht loswurde: Dein Lächeln im Regen hat mich gerettet. Sie hatte ihn gestern in sich getragen wie ein verborgener Puls, irgendwo zwischen Hals und Herz. Heute, ohne Umschlag, war da nur die Lücke, die man erst bemerkt, wenn etwas, das man nicht bestellt hatte, ausbleibt.
Im Laden roch es nach Pappe und Druckerfarbe. Clara hatte die Tür angelehnt, damit das Meer seinen Atem nur schmal hereinschickte. Sie sortierte Neuerscheinungen, wischte eine unsichtbare Staubschicht vom Tresen, drehte eine Vase so, dass die zwei spärlichen Hagebutten aufrechter wirkten. Das Glöckchen an der Tür klingelte gegen zehn, ein helles, aufgeräumtes Geräusch.
Jonas trat ein, den Rucksack über einer Schulter, die Haare noch feucht. „Morgen“, sagte er, leicht außer Atem, als wäre er die letzten Schritte gelaufen.
„Morgen“, erwiderte Clara. Sie sah die dunklen Tropfen an seiner Jacke, das fahle Licht, das ihm kurz in den Nacken fiel, als er die Tür hinter sich schloss.
Er hob die Hand, in der ein schmaler Umschlag lag. „Ich dachte… Sie lesen doch gern am Morgen.“ Er lächelte unsicher. „Es ist nichts Großes. Nur ein paar Zeilen.“
Clara nahm den Umschlag. Clara stand darauf, in seiner Handschrift, offen und schlicht. Sie öffnete ihn mit dem Fingernagel. Ein gefaltetes Blatt, cremefarben, kein offizielles Papier, eher eine Seite aus einem Skizzenblock. Darauf vier kurze Strophen, kein Titel. Die Tinte war an zwei Stellen ein wenig dunkler, als hätte der Stift gezögert.
„Haben Sie das geschrieben?“ fragte sie, ohne aufzusehen.
„Nur ein Versuch“, sagte er. „Manchmal ist es leichter, die Lücke zu malen. Manchmal leichter, sie aufzuschreiben.“
Clara las die Zeilen noch einmal. Es war kein Gedicht, das Ansprüche stellte. Es tastete. Zwischenräume, leise Bilder: die Stille, wenn eine Tasse auf einer Fensterbank abkühlt; die Art, wie Licht an einem Vorhang hängen bleibt; ein Blau, das man nicht benennen kann, weil es aus mehreren besteht. Kein großes Pathos. Ein Angebot.
„Darf ich Ihnen einen Kaffee machen?“ fragte sie.
„Das wäre schön.“
Sie stellte zwei Tassen hin, und sie setzten sich an den Tisch am Fenster, der längst einen festen Klang angenommen hatte, wenn sie ihn im Kopf dachte: Holz, Glas, die Schraffur der Straße draußen. Jonas legte den Rucksack neben den Stuhl, rieb sich die Handflächen, als hätte er kalte Finger, und sah hinaus, wo eine Frau mit Hund durch eine Pfütze stieg, ohne hinzusehen.
„Ich war gestern Abend noch im Atelier“, sagte er. „Das Blau… es machte, was es wollte. Ich habe es schichten lassen. Es ist, als würde man auf eine Fläche hören und sie antwortet nicht in Worten, sondern in Richtungen.“
Clara nickte. „Manchmal denke ich, Bücher tun dasselbe. Die guten jedenfalls. Sie lassen einen gehen, wo man nicht hinwollte – und am Ende steht man in einem Zimmer, das man seltsam findet und doch erkennt.“
Jonas lachte leise. „Das klingt, als hätten Sie das öfter erlebt.“
„Berufsrisiko.“ Sie strich mit dem Daumen über den Tassenrand. „Und vielleicht… Gewohnheit.“
Eine ältere Kundin betrat den Laden, entschuldigte sich, als hätte sie ein Gespräch unterbrochen, das nicht für sie war, und fragte zögerlich nach einem Roman, in dem das Meer vorkomme, aber „nicht so laut“. Clara stand auf, suchte in den Regalen, reichte ihr ein schmales Buch und versprach, dass das Meer darin nur atme, nie schreie. Die Kundin nickte dankbar, legte das Geld auf den Tresen, und als sie gegangen war, blieb für einen Augenblick die Tür offen und ließ kühle Luft in den Raum, die Jonas sich auf die Stirn legte.
„Nicht so laut“, wiederholte er, nachdem die Tür wieder geschlossen war. „Das mochte ich.“
Clara setzte sich. „Ich auch.“
Sie tranken, schwiegen, tranken wieder. Es war keine peinliche Stille. Eher eine, die man teilen konnte, wie einen Schal. Als ein Sonnenfleck über den Boden wanderte, folgte Jonas ihm mit dem Blick. „Wenn Sie wollen… ich könnte später helfen, die Kisten auszupacken.“
„Das müssen Sie nicht“, sagte sie.
„Ich weiß“, sagte er. „Aber ich mag den Geruch von neuen Büchern. Er erinnert mich daran, dass etwas beginnt, auch wenn man nicht weiß, was.“
Sie ließ ihn. Sie ließen es beide. Jonas trug die Kartons vom Hinterzimmer nach vorn, Clara schnitt sie auf, und sie bildeten nebeneinander kleine Stapel auf dem Boden. Es war ein ruhiges Arbeiten. Zwischen ihnen fielen bloß hin und wieder Sätze wie Kieselsteine in Wasser.
„Ich bin dieses Jahr nicht weit gereist“, sagte Jonas, während er einen Karton öffnete. „Einmal ans andere Ende der Stadt. Einmal an die Bucht, aber abends.“
„Abends ist gut“, sagte Clara. „Dann sieht man weniger und spürt mehr.“
Er sah zu ihr hinüber, als hätte er genau diesen Satz erwartet. „Malen ist manchmal, als würde man die Nacht bitten, sich einen Moment am Tag zu zeigen.“
Clara legte ein Buch auf den Stapel Neu eingetroffen. „Lesen auch.“
Zur Mittagszeit holte Jonas zwei Pasteten vom Bäcker gegenüber. Es war keine Verabredung, nur eine kurze Frage: „Mögen Sie Pilze?“ – „Gern.“ Sie aßen im Stehen, den Pappteller auf dem Tresen, und sprachen über seltsame Autorennamen, über Buchrückenfarben, die an Küchenfliesen erinnerten, und über ein Kind, das gestern in Gummistiefeln in eine Pfütze gesprungen war, mit so prinzipieller Freude, dass man sie im Bauch spüren konnte. Als er mit der Serviette die Krümel zusammenschob, blieb in der Mitte des Tresens ein kleiner, fast geometrischer Stern.
„Vielleicht sollte ich Ihnen mal neue Lesezeichen zeichnen“, sagte er. „Mit Möwen. Oder nur mit Strichen, die so tun, als wären es Möwen.“
„Ich nehme auch Striche, die so tun.“
Er zog aus dem Rucksack ein Skizzenheft, kritzelte mit Bleistift drei Linien – zwei für Flügel, eine für den Schnitt durch die Luft – und darunter eine winzige Welle. „Für den Anfang“, sagte er. „Sie können es wegwerfen, wenn Sie wollen.“
Clara legte den Zettel zu den Quittungsblöcken, als wäre er immer dafür gemacht gewesen, dort zu liegen. „Ich werfe selten etwas weg.“
„Das ist gefährlich“, sagte er. „Man sammelt.“
„Ja“, sagte sie. „Aber vielleicht braucht man Dinge später, wenn man sie schon vergessen hat.“
Er blieb bis drei. Dann zog er die Jacke an, versprach, das Bild in den nächsten Tagen zu zeigen, und fragte, ob es okay sei, wenn er morgen wieder hereinschaue. Es klang beiläufig, aber nicht beliebig.
„Natürlich“, sagte Clara.
Als die Tür hinter ihm zufiel, hörte sie sein Lachen draußen noch einmal, gedämpft, in ein Gespräch mit jemandem, den sie nicht sah. Dann nur die Straße, das Meer, das Ladenatmen. Sie räumte weiter, schrieb Rechnungen, verpackte ein Geschenk für ein Kind, das am Wochenende Geburtstag haben würde. Gegen fünf kam Mira, ließ die Tür zum zweiten Mal aufstehen, als müsse der Tag frische Luft holen.
„Und?“ fragte Mira, noch bevor sie den Schal ablegte.
„Und“, sagte Clara, „er hat mir etwas geschrieben.“
Mira zog die Augenbrauen hoch. „Er? Jonas?“
„Nur ein paar Zeilen.“ Clara hielt das Blatt hoch, das sie in die Schublade gelegt hatte, ohne es ganz wegzuschließen. Mira überflog es, nickte langsam.
„Er schreibt, als würde er malen“, sagte sie. „Es ist vorsichtig. Nicht schüchtern – vorsichtig.“
„Vorsicht ist nicht das Schlechteste“, sagte Clara. „Im Moment jedenfalls.“
„Und die Karten?“ Mira legte das Blatt in die Schublade zurück, so als wüsste sie, wohin es gehörte.
„Heute keine“, sagte Clara. Sie merkte, wie in ihr eine Feder vibrierte – Erleichterung oder Enttäuschung –, und sie dachte, dass beides sich anfühlen konnte wie derselbe Ton, nur anders angeschlagen.
Mira blieb nicht lang. Sie ließ noch eine Ankündigung für eine Lesung da, drückte Clara die Schulter und versprach, morgen mehr Zeit mitzubringen. Als sie ging, begann es draußen zu dämmern. Das Licht kippte vom Grau ins Blau, als sei es selbst eine Schicht auf einer Leinwand.
Clara schloss um halb sieben. Der Laden war ordentlich, die Tassen gespült, das Licht im Schaufenster gedimmt. Sie trug die Kasse ins Hinterzimmer, kehrte vorn ein letztes Mal über den Boden, stellte das Schild Geschlossen ins Fenster. Als sie den Schlüssel im Schloss drehte, entdeckte sie es erst: ein Umschlag, halb unter die Matte gerutscht, als hätte er sich versteckt, aus Versehen oder Absicht.
Das Papier: elfenbeinfarben. Die Handschrift: ruhig. Ihr Name: nicht genannt. Kein Absender, kein Stempel. Nur Gegenwart.
Clara hob ihn auf, spürte die Kühle durch das Papier. Sie ging zurück hinter den Tresen, setzte sich, obwohl die Stühle längst auf dem Tisch standen, und öffnete den Umschlag mit einer Ruhe, die sie nicht fühlte.
Der Satz stand mittig, wie die anderen:
Du warst schöner, als der Regen dich verbarg.
Sie las ihn zweimal. Beim dritten Mal hörte sie wieder das Klicken der Kaffeemaschine am Morgen, sah in der Erinnerung eine Frau in einer Pfütze, Jonas’ feuchte Haare, Miras hochgezogene Augenbraue, die Bleistiftmöwe auf dem Zettel – alles kleine, unauffällige Spiegel des Satzes, der behauptete, etwas gesehen zu haben, das man unter Wasser nur erahnt.
Gerettet, schöner, verborgen. Die Wörter standen nebeneinander wie Stühle nach Geschäftsschluss. Sie wusste nicht, welches sie umdrehen sollte, damit es der richtige Abend wurde.
Sie steckte die Karte in das Perlmuttkästchen, zwischen die anderen. Drei Karten, drei Sätze. Drei Tropfen in einem Becken, das sie nicht gefüllt hatte und doch in sich trug. Bevor sie das Kästchen schloss, legte sie Jonas’ Blatt nicht dazu. Es gehörte hier nicht hin. Nicht, weil es weniger bedeutete, sondern weil es nicht anonym war, nicht im Schatten – weil es eine Hand hatte, die man berühren könnte.
Auf dem Heimweg blieb sie an der Ecke stehen, an der die Straße kurz den Blick zum Meer freigab. Die Luft roch nach Metall. Eine Möwe zog tief, als würde sie eine unsichtbare Linie messen. In einem Fenster gegenüber flackerte ein Fernseher. Jemand lachte, und das Lachen klang wie ein Wasserkocher kurz vor dem Kochen.
Clara stellte sich vor, wie Jonas jetzt vielleicht im Atelier stand, die Hände in den Taschen, das Blau vor sich, das womöglich noch immer etwas tat, ohne es mitzuteilen. Sie stellte sich vor, dass die anonyme Hand, die die Karte geschrieben hatte, irgendwo in Reichweite war – nicht weit genug entfernt, um unschuldig zu sein, nicht nah genug, um greifbar zu werden. Und sie stellte sich vor, dass man beides gleichzeitig fühlen konnte: eine Gegenwart, die sich zeigt, und eine, die sich verbirgt.
Zu Hause ließ sie das Licht im Flur an, mehr Gewohnheit als Angst. Sie kochte Tee, stellte die Tasse auf die Fensterbank neben die zweite Karte, sah, wie der Dampf kurz gegen die Scheibe atmete. Dann nahm sie Jonas’ Blatt noch einmal in die Hand. Sie las es laut, aber so leise, dass es mehr in den Raum fiel als wirklich zu hören war. Es war eigenartig tröstlich, wie sich der Tag dadurch an einen Faden knüpfte, der nicht unsichtbar war.
Bevor sie schlafen ging, schrieb sie in ihr kleines Notizbuch drei Zeilen:
Heute keine Vormittagskarte.
Jonas hat mir geschrieben.
Abends: dritter Satz.
Sie setzte keinen Punkt hinter den letzten Eintrag. Sie ließ Platz, eine fingerbreite Lücke, als müsste noch etwas hin. Dann legte sie den Stift weg, blies die Kerze aus und hörte, bevor die Dunkelheit sich schloss, noch einmal die Möwen. Eine rief. Eine antwortete. Erst dann wurde es still.
Und in dieser Stille fühlte sie etwas, das kein Satz war: ein Nachklang, der blieb.
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