Die erste Liebe
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Es gibt Erinnerungen, die benehmen sich im Alter ausgesprochen eigenwillig. Man sucht zehn Minuten nach der Brille und entdeckt sie schließlich auf dem eigenen Kopf. Aber wie ein bestimmter Junge vor mehr als fünfzig Jahren aus dem Freibadbecken stieg und auf welchem Handtuch er lag – das weiß das Gedächtnis plötzlich mit erstaunlicher Genauigkeit.

So war es auch mit meiner ersten Liebe.
Ich kannte ihn natürlich schon vorher. In einem Dorf kannte schließlich jeder jeden, und falls nicht, wusste spätestens die eigene Mutter, wer die Eltern waren, wo die Großmutter wohnte und mit wem irgendein Onkel einmal zur Schule gegangen war. Anonymität war bei uns ungefähr so wahrscheinlich wie ein Palmenstrand hinter der Dorfkirche.
Doch in jenem Sommer wurde aus einem Jungen, den ich eben kannte, plötzlich der Junge.
Das Freibad, bisher ein Ort zum Schwimmen, Toben und Pommesessen, verwandelte sich in ein gesellschaftliches Beobachtungszentrum unter freiem Himmel. Meine Freundinnen und ich entwickelten erstaunliche Fähigkeiten darin, vollkommen unauffällig die Liegewiese zu überwachen. Man drehte sich zufällig auf den Bauch, band die Haare neu zusammen oder suchte minutenlang in der Badetasche nach etwas, das man gar nicht brauchte.

Wir hielten uns für ausgesprochen geschickt.
Wahrscheinlich waren wir so unauffällig wie ein Feuerwehrauto mit Blaulicht.
Meine Freundinnen hatten mein Interesse natürlich längst bemerkt und überwachten fortan jede seiner Bewegungen. Ging er zum Kiosk, wusste ich es. Sprang er vom Brett, wusste ich es. Stand er nur auf, wussten sie vermutlich schon, wohin er wollte, bevor er selbst darüber nachgedacht hatte.
Besonders schwierig wurde es, wenn er tatsächlich in unsere Richtung kam. Dann musste ich gleichzeitig lässig aussehen, die Haare richtig liegen haben, den Bauch einziehen und möglichst normal atmen. Rückblickend war Verliebtsein körperlich fast anstrengender als Schwimmen.
Als er eines Nachmittags zu unserem Handtuch kam und wissen wollte, ob wir abends in den Jugendraum kämen, gab ich mich betont unentschlossen. Innerlich stand meine Teilnahme längst fest. Selbst Hagel, Stromausfall und ein umgestürzter Kirchturm hätten daran wenig geändert.

Zu Hause begann die nächste Herausforderung: Was zog man an?
Die Schlaghose war selbstverständlich gesetzt. Ihre Beine waren so weit, dass bei kräftigem Wind durchaus Startgefahr bestand. Schwieriger waren Bluse und Frisur. Und dann kam Patchouli.
Patchouli roch für uns nach Freiheit, Jugend und einem Hauch Rebellion. Leider hatten wir noch nicht verstanden, dass bei Parfüm manchmal weniger mehr ist. Wir benutzten es so großzügig, dass vermutlich drei Straßen weiter bekannt war, wenn wir das Haus verließen.
Der Jugendraum selbst war eine zusammengewürfelte Mischung aus alten Möbeln, abenteuerlich verlegten Kabeln und gedämpftem Licht. Die Luft bestand aus Cola, Zigarettenrauch, Haarspray und verschiedenen Parfüms. Ein heutiger Brandschutzbeauftragter hätte wahrscheinlich bereits an der Tür kehrtgemacht.

Für uns war es die große weite Welt.
Die Jungen standen bei den Jungen, die Mädchen bei den Mädchen, und beide Gruppen beobachteten einander aufmerksam, während alle so taten, als interessiere sie die jeweils andere Seite überhaupt nicht.
Dann wurde eine langsame Platte aufgelegt.
Der Blues war damals die große Mutprobe. Als er mich schließlich zum Tanzen aufforderte, versuchte ich die Gelassenheit einer jungen Frau auszustrahlen, für die solche Situationen zum Alltag gehörten. Tatsächlich wusste ich plötzlich nicht einmal mehr, wohin mit meinen Händen.
Seine Hände lagen vorsichtig an meiner Taille, meine Arme fanden irgendwie seine Schultern, und wir bewegten uns zur Musik. Ob wir im Takt waren, weiß ich nicht. Mein Herz veranstaltete ohnehin sein eigenes Konzert.

Noch schwieriger war die Frage, wohin man beim Tanzen schauen sollte. In seine Augen war zu mutig, über seine Schulter vielleicht zu kühl und ständig auf die eigenen Schuhe auch keine Lösung. Vermutlich sah ich aus, als müsste ich gleichzeitig Zimmerdecke, Notausgang und Fußboden kontrollieren.
Trotzdem waren diese wenigen Minuten wunderbar.
Später machten wir uns in einer Gruppe auf den Heimweg. Einer nach dem anderen bog ab, bis wir schließlich zu zweit waren. Ausgerechnet jetzt erschien mir der vertraute Weg nach Hause viel zu kurz. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn jemand über Nacht sämtliche Straßen unseres Dorfes verlängert hätte
Kurz vor meinem Zuhause stand die große Kastanie. Dort blieben wir stehen.

Es entstand jene besondere Stille, in der beide ahnen, was geschehen könnte, aber keiner eine Bedienungsanleitung dafür besitzt. Zwei junge Menschen, zwei heftig klopfende Herzen und ungefähr null Erfahrung. Dann kam mein erster Kuss.
Er war weder filmreif noch perfekt. Keine Geigen spielten, niemand hatte für romantische Beleuchtung gesorgt, und unsere Nasen mussten zunächst klären, wie sie sich bei diesem Unternehmen sinnvoll arrangieren sollten. Aber gerade deshalb war er vollkommen.
Kurz, vorsichtig, ein wenig unbeholfen – und vollkommen ausreichend, um mich anschließend nach Hause schweben zu lassen. Den Boden berührte ich vermutlich nur noch aus Höflichkeit.

Natürlich musste ich möglichst geräuschlos ins Haus gelangen. Eltern besaßen in solchen Situationen ein erstaunliches Gehör. Tagsüber konnte man dreimal aus dem Garten rufen, ohne eine Reaktion zu bekommen. Kam die Tochter abends etwas später heim, genügte eine knarrende Treppenstufe, und plötzlich war das ganze Haus hellwach.
In meinem Bett war an Schlaf ohnehin nicht zu denken. Der Kuss wurde gedanklich wiederholt, überprüft und in Zeitlupe abgespielt. Hätte es damals schon eine Wiederholungstaste gegeben, wäre sie vermutlich noch vor Sonnenaufgang verschlissen gewesen.

Am nächsten Morgen ging das Dorf ungerührt seinem Alltag nach. Kirchenglocken läuteten, Geschirr klapperte und Autos fuhren vorbei. Offenbar hatte niemand bemerkt, dass sich in der vergangenen Nacht etwas Weltbewegendes ereignet hatte. Ich war zum ersten Mal verliebt.
In den folgenden Wochen bestand dieses große Glück aus erstaunlich kleinen Dingen: Spaziergängen, einer geteilten Limonade, Händchenhalten und gemeinsamen Nachmittagen im Freibad. Und aus Warten.
Handys gab es nicht. Man verabredete sich und erschien – oder wartete. Nach fünf Minuten wurde man unruhig, nach zehn Minuten begann das Kopfkino und nach fünfzehn Minuten war man innerlich entweder verlassen worden oder sah den anderen bereits mit seinem Moped im Straßengraben liegen.
Meistens kam er einfach nur zu spät.
Sobald er um die Ecke bog, war die ganze Tragödie vergessen.
Vielleicht lag gerade darin etwas Besonderes. Niemand war ständig erreichbar. Wenn man zusammen war, war man wirklich zusammen. Unsere Zukunftsplanung reichte bis zum nächsten Samstag, und das erschien uns vollkommen ausreichend.

Dann wurde der Sommer langsam müde. Das Freibad schloss, die Abende wurden kühler, und irgendwann brauchte selbst die schönste Schlaghose wieder eine Jacke.
Auch unsere erste Liebe blieb nicht für immer. Sie endete ohne großes Drama. Keine Briefe flogen ins Feuer, niemand stand im strömenden Regen. Unsere Wege bewegten sich einfach langsam auseinander.
Doch die erste Liebe hinterlässt etwas, das spätere Jahre nicht ganz auslöschen können. Vielleicht, weil alles zum ersten Mal geschieht: das Herzklopfen, die Unsicherheit, das Warten und dieses unglaubliche Glück, wenn ein bestimmter Mensch endlich um die Ecke kommt.

Während ich diese Zeilen schrieb, schob sich Findus zwischen mich und die Tastatur. Offenbar war er der Meinung, dass mehr als fünfzig Jahre alte Liebesgeschichten nun wirklich genug Aufmerksamkeit bekommen hatten. Mit der Selbstverständlichkeit eines Katers, dem Haus, Computer und Menschheit gemeinsam zu gehören scheinen, ließ er sich vor mir nieder.
Ich kraulte ihn hinter den Ohren und blickte hinaus in die Dunkelheit.
Die Schlaghosen waren verschwunden, die alten Schallplatten waren verstummt.
Doch in meiner Erinnerung stand die Kastanie noch immer dort.
Und für einen Augenblick war er wieder da: dieser warme Sommerabend, das Rascheln der Blätter und ein unbeholfener erster Kuss, der sich damals anfühlte, als wäre so etwas noch nie zuvor einem Menschen passiert.
Findus schnurrte zufrieden.
Ich musste lächeln.

@LadySilbermond/Raphaela  08.2026

Kommentare (17)

protes

wie schön, wenn man sich erinnern kann
und auch nur für kurze zeit dabei ist
ich habe bemerkt, wie sich das lächeln
um meinen mund und die augen verstärkten
danke für deine geteilte erinnerung 
sie hat so vieles aufleben lassen
lieben gruß 
hade

LadySilbermond

@protes  
Lieben Dank für deinen Kommentar. Es gibt für mich mich nichts, wenn du sagst, ich war in meinen Erinnerungen.
LadySilbermond/ Raphaela

P.S. Ich lese deine Worte ebenso gerne. Möge es dir gegeben sein noch viele Wortnüsse zu finden, um sie mit uns zu teilen

Wombat

Liebe Rapha, was für eine wunderschöne Zeitreise! 😊 Ich hatte beim Lesen sofort das ganze Bild vor Augen: Freibad, Schlaghosen, langsame Musik und eine Patchouli-Wolke, gegen die vermutlich selbst die Dorfkirchenglocken machtlos waren. 😂

Der erste Kuss unter der Kastanie ist besonders schön beschrieben – vorsichtig, ein bisschen unbeholfen und gerade deshalb unvergesslich. Heute sucht man vielleicht gelegentlich seine Brille, aber solche Momente findet das Gedächtnis selbst nach fünfzig Jahren noch ganz ohne Suchfunktion.

Und Findus hat am Ende natürlich dafür gesorgt, dass du nicht zu lange von einem anderen Kater träumst. 🐈😉❤️

LadySilbermond

@ALL

30. Aug. 2026, 20_51_29.png

KI generiert

 

Manchmal  sucht nach den richtigen Worten.
Heute mache ich es mir einfach: Danke.

Danke fürs Lesen, fürs Schmunzeln – und natürlich für die vielen kleinen Herzchen, die ihr hier immer wieder liegen lasst. ❤️

Ob ihr etwas schreibt oder einfach nur still mitlest, spielt dabei gar keine Rolle. Ich freue mich, dass meine Geschichten ihren Weg zu euch finden.

Und vergesst nie: Worte können auch umarmen. ❤️

Bis zur nächsten Geschichte. ❤️

Raphaela/LadySilbermond

ladybird

......Deine so aufregende "erste Liebe"- erinnerung, liebe Raphaela, las ich mit Gänsehaut vor Mitgefühl und Sentimentalität. Mit meiner ersten Liebe feier ich jährlich unseren Kennenlerntag mit einem fürstlichen Essen, dieses Jahr waren es 60 Jahre!!! Wir blieben allerdings damal nicht zusammen, trafen uns nach vielen Jahren auf einer Beerdigung wieder und seit dem, treffen wir uns zu diesem "Ritual"..und heute wissen wir, warum eine weitere Gemeinsamkeit nicht gepaßt hätte. Allerdings freuen wir uns stets auf das nächste Treffen...
Danke Dir mit lieben Gruß für diese Freude, 
💖lichst Renate-🐞-ladybird

LadySilbermond

@ladybird  
Liebe Renate!
Wo meine abgeblieben ist, weiß ich nicht. Er und seine Eltern zogen damals fort. Kein Handy, kein Wlan...und einen Brief war es ihm wohl damals nicht wert.
Aber schön, dass es dir gefallen hat und du in deinen Erinnerungen zu stöbern begannst.
Raphaela

pippa

Du kannst wunderschön erzählen, liebe Raphaela.

Beim lesen, was ich natürlich sehr sehr gern tat, lief mein eigenes Kopfkino. 
Es sagte mir, dass ich zwei erste Lieben nebeneinander hatte. Ich weiß nicht mal mehr mit wem ich den ersten Kuss hatte; es lag höchstens ein Tag dazwischen.
Leider sind beide im Drama geendet.

Danke fürs Erinnern.

Harzliche Grüße
Pippa

LadySilbermond

@pippa  
Oh je Pippa...ich hoffe du kannst trotzdem noch einen schönen Tag heute geniessen. Eine ganz Wilde also...lach!

Liebe Grüße Raphaela

werderanerin


Ja, so oder ähnlich hatte wohl fast jeder / jede die ersten, ganz zarten Erinnerungen an die "1. Verliebtheit"..., mehr war es auch meist nicht, alles verbunden mit Aufregungen, völlig neuen Sichtweisen..., "Jungs" hatten auf einmal einen anderen Stellenwert.

Ja, so war das alles...und ich weiß nicht, ob du
Ute Freudenberg kennst, Sängerin aus der damaligen DDR - sie hatte einen ganz großen Hit "Jugendliebe". Sie besingt all das, was sie ausmacht . Ich kann es nur empfehlen, sich anzuhören !

Schöner kann man diese erste Verliebtheit nicht besingen.

Kristine

LadySilbermond

@werderanerin  

Liebe Kristine,
das Lied kannte ich tatsächlich nicht. Deine Zeilen haben mich neugierig gemacht und ich habe es mir gerade angehört. Und ja – du hast recht, schöner kann man diese erste Verliebtheit wirklich kaum besingen.
Danke für diesen musikalischen Abstecher in die Erinnerungen. 
Raphaela

werderanerin

...sehr gerne. Höre ihn heute noch gerne, weil er Tatsache
Gänsehaut vermittelt, man sich zurück erinnert, egal, wie es "ausging".

Liebe Grüße
Kristine

Sommerzauber

Sehr schön erzählt. Ich habe mit dir deine erste Liebe miterlebt.....danach machten meine Gedanken einen Spaziergang zu meiner....😇🤗. 
Danke für diesen schönen Beginn des Tages.

Katharina/Sommerzauber 🌺

LadySilbermond

@Sommerzauber  Danke fürs Lesen und wenn es dich in Gedanken zu deiner ersten Liebe führte, dann gibt es kein schöneres Kompliment für mich. Aber du weißt ja selbst Man vergisst so schnell, dass Worte umarmen können.
Hab einen schönen Tag  Raphaela

Flaklander

Ja so hat jeder so seine Erinnerungen. Welch ein schöne Zeit. Manchmal traf ich sie noch, viele Jahre später. Als ich schon im Ausland wohnte, und ich auf Besuch in meine Heimat war. Immer ganz zufällig. Ja so etwas vergisst  man nicht.

Cornelis
 

LadySilbermond

@Flaklander  
Lieber Cornelis!
Das brauch und sollte man auch nicht...Erinnerungen erzeugen Kopfkino und zwar in sehr vielen Fällen ein sehr schönes.
Schönes Wochenende Raphaela

Rosi65


Ein hübsches und romantisches Jugenderlebnis,💖 liebe Raphaela!
So etwas vergisst man natürlich nie.

Danke auch für die Erinnerung an diesen intensiven und ziemlich aufdringlichen Patchouli-Duft, der damals ja richtig Kult war. Und obwohl er sich auch nach zwei Waschmaschinengängen hartnäckig in den Fasern der getragenen Kleidung hielt, haben wir dieses Patchouli geliebt!
Schließlich war seine Benutzung damals unerlässlich, und eigentlich auch schon die „Halbe Miete“, ja, fast wie eine Eintrittskarte, um der auffälligsten Clique anzugehören.

Meine ersten Verehrer habe ich immer beim Tanz kennengelernt. Meinen späteren Mann sogar in der Disco. „Darf ich Ihnen ein Gespräch aufzwingen?“ war sein erster an mich gerichteter Satz.
Boah!😂

Viele Grüße
  Rosi65

LadySilbermond

@Rosi65   
Liebe Rosi!
Ja... Disco...lach da kommen wieder viele Erinnerungen. Eine ganz kurz! Nach der Disco wurde ich nach hause begleitet, heimlich standen wir vor der Haustür, unsere Blicke schauten erst einmal ringsherum, ob auch niemand bemerkte, dass wie vor der Tür waren. Und dann kam es... DER  KUSS!
Es drückte mich gegen den Türrahmen und alle Fenster flogen auf....hatte mit meinem Rücken alle wachgeklingelt..

Schönes Wochende
Raühaela.

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