DIE ENTE WIRD NICHT ERSCHOSSEN!!!
Kürzlich hatte ich einen Gesprächstermin bei meiner Auto- und Rechtschutzversicherung, wegen einer kleinen Änderung des laufenden Vertrages.
Die neue Geschäftsstellenleiterin, Frau M., erhob sich unverzüglich von ihrer Sitzgelegenheit und kam mir mit einem strahlenden Lächeln entgegen. Groß, schlank, attraktiv und scheinbar auch „mit allen Wassern gewaschen“ reichte sie mir ihre Hand zur Begrüßung.
Ihr fester Händedruck kam mir dabei vor, wie der eines kanadischen Holzfällers, der nur mal kurz seine Axt zur Seite gelegt hatte. Das signalisierte sofort Dominanz und Stehvermögen.
Obwohl ich diese Art von Begrüßung als eindeutig übermotiviert empfand, konnte ich diese taffe Geschäftsfrau aber sofort recht gut einschätzen.
Sogar ihr großer schwarzer Hund, Typ Labrador, kam mich begrüßen, um dann nach einem scharfen Ton seines Frauchens, sofort auf seinen alten Platz zurückzukehren. War der vielleicht auf Kundenbegrüßung dressiert?
Die gewünschte Änderung wurde zügig und zu meiner Zufriedenheit abgewickelt.
Doch dann ging es los. Frau M. erkundigte sich nämlich , ob ich denn die lebenswichtige Versicherung A-C schon hätte. Wenn nicht, könnte ich diese ja hier und jetzt problemlos abschließen.
In meinem Kopf läuteten die Alarmglocken.
Natürlich besaß ich diese genannte Versicherung nicht. Schließlich kann man sich ja, schon allein aus Kostengründen, nicht gegen alles versichern lassen. Deshalb erzählte ich ihr ein schönes Märchen.
„Aber selbstverständlich!“ antwortete ich laut, ohne dabei zu erröten.
Doch Madam ließ einfach nicht locker und bohrte gleich nach weiteren Details. Bei welcher Versicherung, zu welchen Konditionen und was weiß ich noch alles.
„Oh, da fragen Sie mich aber etwas. Könnte die Ballianz sein. Bin mir jetzt aber nicht ganz sicher.
Schließlich wurde ja alles schon vor langer Zeit, gleich neben dem Abschluss einer privaten Rentenzusatzversorgung, bei meinem letzten Arbeitgeber abgewickelt.“
Doch kaum hatte ich mich halbwegs elegant herausgeredet, schon legte sie mit dem zweiten Versicherungsangebot D-F nach.
Nun sagte ich ihr klipp und klar:“ Nein, diese Versicherung habe ich nicht, aber ich werde mir Ihren Vorschlag gerne mal überlegen. Haben Sie denn keine schriftlichen Unterlagen für mich, damit ich mich in Ruhe über die Inhalte informieren kann?“
Doch ja, hatte sie. Sie schob darauf stumm einen dicken Papierstapel in ein DIN-A-4-Kuvert, das nun mittig zwischen uns auf dem Tisch lag.
“Ach, da fällt mir gerade ein, eine schöne Visitenkarte von Ihnen wäre auch nett. Nur, damit ich unser heutiges Gespräch nicht vergesse.“
Ja, die hatte sie auch. Etwas pikiert, wie mir schien, schnippte sie die Karte mit den Fingern lässig in das Kuvert.
Unsere Blicke trafen sich. Doch gleichzeitig wussten wir beide, dass wir uns gegenseitig durchschaut hatten. Nun stand ich einfach demonstrativ auf, weil für mich das Gespräch beendet war, um mich dann schnellstens zu verabschieden.
Als ich aus dem Büro wieder in den Vorraum trat, sah ich kurz vor dem Ausgang ein Flipchart stehen, dessen angehefteter Block noch aufgeschlagen war. Darauf hatte jemand mit Filzschreiber eine große Ente gezeichnet.
Darüber stand der große Schriftzug: “DIE ENTE WIRD NICHT ERSCHOSSEN!“
Neugierig blieb ich stehen, um mir dieses Kunstwerk mal genauer anzusehen.
Amüsiert fragte ich die Angestellte, die direkt daneben an ihrem Schreibtisch arbeitete: “Versichern Sie jetzt eigentlich auch Tierschutzprojekte?“
„Aber nein“, antwortete diese lachend. „Das Flipchart wurde hier nur vergessen. Wir hatten hier gestern nämlich eine Mitarbeiterschulung.
Doch plötzlich wusste ich Bescheid.
Hier wurden der Kunde wohl als Ente bezeichnet, die man jederzeit ausgezeichnet rupfen kann. Allerdings ohne dabei zu übertreiben, denn sonst würde das Tierchen gar keinen Nutzen mehr bringen. Ähnlich dem Beispiel einer Gans, die goldene Eier legt, denn auch die darf man niemals schlachten.
Ja, ich hatte verstanden, obwohl ich ja nur eine kleine Ente bin.😟
Rosi65
Titelbild: -manfredrichter, pixabay.de-
Kommentare (5)
@Rosi65
Erst jetzt kann ich sehen, was in Deinem Profilfoto steht, liebe Rosi. 😊🐤
Ach diese Damen mit Dominanz, liebe Rosi. Die hat es ja schon immer gegeben, das weiß man aus der Geschichte, aus Büchern. Die modernen sind aber ganz besonders: die meisten von ihnen hassen die Männer einerseits, und gleichzeitig handeln sie, als wären sie einer, und nicht gerade der smarteste. 😇
Ein ähnliches Erlebnis, wie in Deiner amüsanten Geschichte, hatte ich kurz nach der Wende, wo man sich hier vieles vom Kapitalismus versprochen hatte. Die Vertreter der Versicherungsunternehmen wollten damals ihre potentiellen Kunden auch mal zu Hause besuchen; es war damals noch möglich. Ich war gerade allein, da kamen zwei Herren. Einen kannte ich persönlich, er war Englischlehrer, ein Arbeitskollege von meinem Mann. Von dem anderen habe ich später erfahren, er war bei der Feuerwehr tätig. Sie haben mir über all die schönen Möglichkeiten erzählt, ich hatte aber keine Ahnung, und wollte mich nicht entscheiden. Da wurde plötzlich der Feuerwehrmann rot, und sagte: Na los, unterschreiben Sie doch! - und versuchte mir seinen Kugelschreiber in die Hand zu drücken.
Ich war damals eine total schüchterne Person; in dem kleinen Ort, vielleicht wusste er das, und erhoffte sich seine Prämie sofort? Das war aber selbst für mich zu bunt. Ich sagte: Ich verbitte mir so etwas. Danke Ihnen. Nur der Lehrer sagte ein „Auf Wiedersehen“. Die Ente, obwohl eine so miserable, hat kein Eichen gelegt. 😉
Mit herzlichen Grüßen
Christine
Liebe Christine,
bei Deinem Erlebnis war der Vorgang des Versicherungsvertreters nicht nur unverschämt, sondern grenzte schon an Nötigung!
Gerade bei Versicherungsabschlüssen ist Vorsicht geboten. Man kann sich auch vorher extern (Verbraucherzentrale) beraten lassen.
Viele Grüße
Rosi65![]()
@Rosi65
Liebe Rosi, das war natürlich die Zeit des "wilden Kapitalismus" hier; jetzt wäre so etwas auch undenkbar. Die Versicherer haben ihre gut eingerichteten Büros, und die Kunden werden freundlich bedient. Wahrscheinlich wird es manchmal versucht, etwas mehr anzubieten, als man es will... - nicht so frech aber, wie der Anfänger in der Sache, dieser komische Feuerwehrmann, der sich zusätzlich verdienen wollte, ohne den Job einfach begriffen zu haben. :)
Als ich mal eine Versicherung brauchte, hat sich der junge Angestellte, der mich bedienen sollte, als ein ehemaliger, sympathischer Schüler von mir erwiesen. Ich hatte keine Sekunde lang den Eindruck, ich wäre eine Ente, und geschweige denn - eine Gans gewesen. 👌😊
Ein herzliches Dankeschön sende ich den Herzchengebern:
Monika2023, Christine62laechel, margit, Marlen13, Roxanna, Winterbraut, pippa und Augentrost.
Rosi65
- Eigenes Foto -