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Der Seniorenbonus
Herr Krüger hasste Dienstagvormittage.
Dienstagvormittage bedeuteten:
zu volle Supermärkte,
zu langsame Kassierer
und diese eine Verkäuferin an der Wursttheke, die jedes Mal „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ fragte, als wäre das originell.
Außerdem regnete es.
Natürlich regnete es.
Nicht richtig. Nicht dramatisch. Nur dieses penetrante Nieseln, das exakt unangenehm genug war, um schlechte Laune zu machen.
Herr Krüger stand an der Bushaltestelle und betrachtete missmutig seinen Einkaufstrolley.
Eine Lauchstange ragte heraus wie ein Vorwurf.
„Unverschämtes Wetter“, murmelte er.
„Find ich auch.“
Herr Krüger sah sich um.
Neben ihm saß ein Mann auf der Bank der Bushaltestelle, den er vorher nicht bemerkt hatte.
Klein.
Dünner Mantel.
Brauner Hut.
Ein Gesicht wie eine zerknitterte Serviette.
Und er lächelte.
Nicht freundlich.
Eher wissend.
Herr Krüger nickte vorsichtig.
„Mhm.“
Der Fremde deutete zum Himmel.
„Das hier ist Absicht.“
Herr Krüger antwortete nicht sofort.
Mit zunehmendem Alter lernte man, nicht jede seltsame Aussage direkt zu hinterfragen. Sonst kam man zu nichts mehr.
„Wessen Absicht?“
„Der Verwaltung.“
„Welche Verwaltung?“
Der Mann sah ihn überrascht an.
„Na die Wetterverwaltung.“
Herr Krüger zog langsam die Augenbrauen hoch.
„Aha.“
„Dienstag ist Rentnertag.“
„Bitte was?“
„Dienstags zwischen neun und zwölf wird das Wetter absichtlich leicht verschlechtert.“
Der Mann sagte das vollkommen ruhig.
Wie jemand, der erklärte, dass Butter in den Kühlschrank gehört.
„Warum sollte man sowas tun?“
„Statistik.“
„Welche Statistik?“
„Zu viele Rentner gleichzeitig draußen.“
Herr Krüger starrte ihn an.
Der Fremde nickte ernst.
„2011 gab’s beinahe einen Vorfall.“
„Was für einen Vorfall?“
„Aldi Süd. Rosenkohl im Angebot.“
Kurze Pause.
„Katastrophale Zustände.“
Herr Krüger wollte lachen.
Tat es aber nicht.
Irgendetwas an der vollkommen nüchternen Art dieses Mannes machte das schwierig.
Der Fremde griff in seine Manteltasche und holte einen kleinen Notizblock hervor.
„Name?“
„Wieso?“
„Sie sehen aus, als hätten Sie Anspruch auf Ausgleich.“
„Ausgleich wofür?“
„Sie wurden in letzter Zeit überdurchschnittlich häufig benachteiligt.“
Herr Krüger schnaubte.
„Das können Sie gar nicht wissen.“
Der Mann blätterte um.
„Doch.“
Er räusperte sich.
„Viermal hintereinander kaputte Pfandautomaten.“
Herr Krüger erstarrte leicht.
„Zweimal Vogelkot innerhalb einer Woche.“
„Das war ein großer Vogel.“
„Drei verlorene Sockeneinzelteile im Februar.“
Herr Krüger zeigte plötzlich mit dem Finger auf ihn.
„DAS war Absicht?!“
„Nein, Socken sind eine andere Abteilung. Die arbeiten chaotisch.“
Der Regen prasselte leise gegen das Dach der Bushaltestelle.
Herr Krüger setzte sich langsam neben den Mann.
„Also gut.“
Der Fremde nickte zufrieden und zückte einen Kugelschreiber.
„Sie akzeptieren also die Prüfung.“
„Welche Prüfung?“
„Ob Sie für Seniorenbonus infrage kommen.“
Herr Krüger blinzelte.
„Seniorenbonus klingt beleidigend.“
„Der ursprüngliche Name war ‚Endgame-Vorteilspaket‘.“
„Das ist noch schlimmer.“
„Fanden viele.“
Der Fremde machte einen Haken auf seinem Block.
„Nun gut. Ich stelle Ihnen jetzt einige Fragen.“
„Muss das sein?“
„Ja.“
„Na wunderbar.“
Der Mann räusperte sich erneut.
„Wie oft sagen Sie pro Woche den Satz ‚Früher war das besser‘?“
„Kommt drauf an.“
„Worauf?“
„Brot.“
Der Mann schrieb etwas auf.
„Wie empfinden Sie Jugendliche auf E-Scootern?“
„Illegal.“
„Verstehe.“
Mehr Notizen.
„Besitzen Sie Bonbons für Besucher, obwohl nie jemand kommt?“
Herr Krüger schwieg kurz.
„Die mit Kaffee-Geschmack zählen nicht.“
Der Fremde machte wieder einen Haken.
„Eindeutig qualifiziert.“
Herr Krüger verschränkte die Arme.
„Und was kriegt man bei diesem Bonus?“
„Kleine Verbesserungen.“
„Welche Art Verbesserungen?“
Der Mann zählte an den Fingern ab.
„Sie finden häufiger Sitzplätze.“
„Gut.“
„Die Kassenschlange, die Sie wählen, wird statistisch schneller.“
Herr Krüger wurde aufmerksam.
„Mhm.“
„Ihre Fernbedienung verschwindet seltener.“
„Interessant.“
„Außerdem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass andere Menschen denken:
‚Lassen wir den Herrn mal vor.‘“
Herr Krüger starrte ihn an.
Das war stärker als Geld.
Viel stärker.
„Und wo ist der Haken?“
„Es gibt keinen.“
„Unsinn. Überall gibt es einen Haken.“
Der Fremde lächelte plötzlich müde.
Zum ersten Mal wirkte er alt.
Sehr alt.
„Wissen Sie“, sagte er leise, „ab einem gewissen Alter versucht das Universum manchmal einfach, sich ein bisschen zu entschuldigen.“
Der Bus bog um die Ecke.
Herr Krüger sah kurz hin.
Dann wieder zum Fremden.
„Und Sie machen das beruflich?“
„Seit 1968.“
„Beamter?“
„So ähnlich.“
Der Bus hielt zischend an.
Herr Krüger drehte sich kurz zur Tür.
Als er wieder zurückblickte, war die Bank leer.
Nur der kleine Notizblock lag noch dort.
Herr Krüger hob ihn auf.
Eine einzige Seite war beschrieben.
SENIORENBONUS AKTIVIERT.
Bitte geraten Sie verantwortungsvoll in überraschend gute Situationen.
Herr Krüger sah langsam auf.
Der Regen hatte aufgehört.
Und auf dem Parkplatz gegenüber fuhr gerade jemand aus der allerbesten Parklücke rückwärts heraus.
Herr Krüger blieb einen Moment stehen.
Dann schob er seinen Einkaufstrolley langsam über die Straße.
Zum ersten Mal seit Jahren hatte er das Gefühl, dass vielleicht doch noch irgendetwas auf ihn wartete.
Nicht groß.
Keine Liebe.
Kein Abenteuer.
Keine zweite Jugend.
Aber vielleicht ein etwas zu heißer Kaffee genau im richtigen Moment.
Eine kurze grüne Ampel.
Ein Sitzplatz am Fenster.
Kleine freundliche Fehler der Wirklichkeit.
Und seltsamerweise reichte das plötzlich vollkommen aus.
Illustrationen mittels KI erstellt
Dienstagvormittage bedeuteten:
zu volle Supermärkte,
zu langsame Kassierer
und diese eine Verkäuferin an der Wursttheke, die jedes Mal „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ fragte, als wäre das originell.
Außerdem regnete es.
Natürlich regnete es.
Nicht richtig. Nicht dramatisch. Nur dieses penetrante Nieseln, das exakt unangenehm genug war, um schlechte Laune zu machen.
Herr Krüger stand an der Bushaltestelle und betrachtete missmutig seinen Einkaufstrolley.
Eine Lauchstange ragte heraus wie ein Vorwurf.
„Unverschämtes Wetter“, murmelte er.
„Find ich auch.“
Herr Krüger sah sich um.
Neben ihm saß ein Mann auf der Bank der Bushaltestelle, den er vorher nicht bemerkt hatte.
Klein.
Dünner Mantel.
Brauner Hut.
Ein Gesicht wie eine zerknitterte Serviette.
Und er lächelte.
Nicht freundlich.
Eher wissend.
Herr Krüger nickte vorsichtig.
„Mhm.“
Der Fremde deutete zum Himmel.
„Das hier ist Absicht.“
Herr Krüger antwortete nicht sofort.
Mit zunehmendem Alter lernte man, nicht jede seltsame Aussage direkt zu hinterfragen. Sonst kam man zu nichts mehr.
„Wessen Absicht?“
„Der Verwaltung.“
„Welche Verwaltung?“
Der Mann sah ihn überrascht an.
„Na die Wetterverwaltung.“
Herr Krüger zog langsam die Augenbrauen hoch.
„Aha.“
„Dienstag ist Rentnertag.“
„Bitte was?“
„Dienstags zwischen neun und zwölf wird das Wetter absichtlich leicht verschlechtert.“
Der Mann sagte das vollkommen ruhig.
Wie jemand, der erklärte, dass Butter in den Kühlschrank gehört.
„Warum sollte man sowas tun?“
„Statistik.“
„Welche Statistik?“
„Zu viele Rentner gleichzeitig draußen.“
Herr Krüger starrte ihn an.
Der Fremde nickte ernst.
„2011 gab’s beinahe einen Vorfall.“
„Was für einen Vorfall?“
„Aldi Süd. Rosenkohl im Angebot.“
Kurze Pause.
„Katastrophale Zustände.“
Herr Krüger wollte lachen.
Tat es aber nicht.
Irgendetwas an der vollkommen nüchternen Art dieses Mannes machte das schwierig.
Der Fremde griff in seine Manteltasche und holte einen kleinen Notizblock hervor.
„Name?“
„Wieso?“
„Sie sehen aus, als hätten Sie Anspruch auf Ausgleich.“
„Ausgleich wofür?“
„Sie wurden in letzter Zeit überdurchschnittlich häufig benachteiligt.“
Herr Krüger schnaubte.
„Das können Sie gar nicht wissen.“
Der Mann blätterte um.
„Doch.“
Er räusperte sich.
„Viermal hintereinander kaputte Pfandautomaten.“
Herr Krüger erstarrte leicht.
„Zweimal Vogelkot innerhalb einer Woche.“
„Das war ein großer Vogel.“
„Drei verlorene Sockeneinzelteile im Februar.“
Herr Krüger zeigte plötzlich mit dem Finger auf ihn.
„DAS war Absicht?!“
„Nein, Socken sind eine andere Abteilung. Die arbeiten chaotisch.“
Der Regen prasselte leise gegen das Dach der Bushaltestelle.
Herr Krüger setzte sich langsam neben den Mann.
„Also gut.“
Der Fremde nickte zufrieden und zückte einen Kugelschreiber.
„Sie akzeptieren also die Prüfung.“
„Welche Prüfung?“
„Ob Sie für Seniorenbonus infrage kommen.“
Herr Krüger blinzelte.
„Seniorenbonus klingt beleidigend.“
„Der ursprüngliche Name war ‚Endgame-Vorteilspaket‘.“
„Das ist noch schlimmer.“
„Fanden viele.“
Der Fremde machte einen Haken auf seinem Block.
„Nun gut. Ich stelle Ihnen jetzt einige Fragen.“
„Muss das sein?“
„Ja.“
„Na wunderbar.“
Der Mann räusperte sich erneut.
„Wie oft sagen Sie pro Woche den Satz ‚Früher war das besser‘?“
„Kommt drauf an.“
„Worauf?“
„Brot.“
Der Mann schrieb etwas auf.
„Wie empfinden Sie Jugendliche auf E-Scootern?“
„Illegal.“
„Verstehe.“
Mehr Notizen.
„Besitzen Sie Bonbons für Besucher, obwohl nie jemand kommt?“
Herr Krüger schwieg kurz.
„Die mit Kaffee-Geschmack zählen nicht.“
Der Fremde machte wieder einen Haken.
„Eindeutig qualifiziert.“
Herr Krüger verschränkte die Arme.
„Und was kriegt man bei diesem Bonus?“
„Kleine Verbesserungen.“
„Welche Art Verbesserungen?“
Der Mann zählte an den Fingern ab.
„Sie finden häufiger Sitzplätze.“
„Gut.“
„Die Kassenschlange, die Sie wählen, wird statistisch schneller.“
Herr Krüger wurde aufmerksam.
„Mhm.“
„Ihre Fernbedienung verschwindet seltener.“
„Interessant.“
„Außerdem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass andere Menschen denken:
‚Lassen wir den Herrn mal vor.‘“
Herr Krüger starrte ihn an.
Das war stärker als Geld.
Viel stärker.
„Und wo ist der Haken?“
„Es gibt keinen.“
„Unsinn. Überall gibt es einen Haken.“
Der Fremde lächelte plötzlich müde.
Zum ersten Mal wirkte er alt.
Sehr alt.
„Wissen Sie“, sagte er leise, „ab einem gewissen Alter versucht das Universum manchmal einfach, sich ein bisschen zu entschuldigen.“
Der Bus bog um die Ecke.
Herr Krüger sah kurz hin.
Dann wieder zum Fremden.
„Und Sie machen das beruflich?“
„Seit 1968.“
„Beamter?“
„So ähnlich.“
Der Bus hielt zischend an.
Herr Krüger drehte sich kurz zur Tür.
Als er wieder zurückblickte, war die Bank leer.
Nur der kleine Notizblock lag noch dort.
Herr Krüger hob ihn auf.
Eine einzige Seite war beschrieben.
SENIORENBONUS AKTIVIERT.
Bitte geraten Sie verantwortungsvoll in überraschend gute Situationen.
Herr Krüger sah langsam auf.
Der Regen hatte aufgehört.
Und auf dem Parkplatz gegenüber fuhr gerade jemand aus der allerbesten Parklücke rückwärts heraus.
Herr Krüger blieb einen Moment stehen.
Dann schob er seinen Einkaufstrolley langsam über die Straße.
Zum ersten Mal seit Jahren hatte er das Gefühl, dass vielleicht doch noch irgendetwas auf ihn wartete.
Nicht groß.
Keine Liebe.
Kein Abenteuer.
Keine zweite Jugend.
Aber vielleicht ein etwas zu heißer Kaffee genau im richtigen Moment.
Eine kurze grüne Ampel.
Ein Sitzplatz am Fenster.
Kleine freundliche Fehler der Wirklichkeit.
Und seltsamerweise reichte das plötzlich vollkommen aus.
Illustrationen mittels KI erstellt
Kommentare (2)
ginger.one
@Distel1fink7
Vielen Dank, das freut mich sehr! 😊
Der Alltag liefert zum Glück ständig neues Material. Solange das so bleibt, wird weitergeschrieben.
Den Alltag lesenswert gemacht.
Lese ich gerne
Gruß Distel1fnk7