Der Bruch (4)

Kapitel 4 – das Personal - vielfältig und bunt

Ich staune über die Vielzahl und Vielfalt der Pflegerinnen und Pfleger. Manche sind Krankenpfleger, andere Altenpfleger. Erstaunlich viele kräftige junge Männer sind dabei. Täglich sieht man neue Gesichter. Und täglich sieht man neue interessante Tattoos. Das Personal arbeitet im Schichtdienst und wird anscheinend immer verschiedenen Bereichen zugeteilt. Frühschicht ab 6 Uhr, Mittelschicht ab 12:30 Uhr, Spätschicht bis um 21 Uhr. Nachtschicht von 20 Uhr bis 6 Uhr. Der Nachtdienst ist immer von zwei Pfleger/innen besetzt. Jeder betreut die Hälfte der Station.
Oft sind Männer im Nachtdienst. Ein Kahlköpfiger blieb mir eindrücklich in Erinnerung. Er kam ins Zimmer und stellte sich vor: „Ich bin heute die Nachtschwester, bloß ohne Haare“. Bei einer anderen ‚Nachtschwester‘ mit Vollbart ragte oben aus des kahl rasierten Hauptes Mitte steil ein Büschel dunkler Haare in die Höhe. Ein Punk? Ein Medizinstudent?
Als Erstes lerne ich abends den stets gut gelaunten Michael kennen, einen ‚gestandenen Mann‘, den man hier nur den ‚Flotten Otto‘ nennt. „Zwei starke, freundliche Männer im Nachtdienst“, so stellt er sich und seinen Kollegen vor. Otto hat am Hals ein interessantes Tattoo: Zahlen und Buchstaben untereinander. Es sind die Koordinaten des Ortes, an dem er dereinst seine Frau bei einem Spaziergang angesprochen hat. Otto ist gelernter Koch und beschloss erst im Alter von 27 Jahren, in die Pflege zu gehen.
Auch der schwarzhaarige Rodi ist so ein Quereinsteiger. Der hier geborene Junge mit kurdischen Wurzeln (auf die ist er sichtlich stolz) hatte erst eine Ausbildung in der Pflege gemacht und war dann für 4 Jahre zur Bundeswehr gegangen. Nun ist er 23 und im Pflegedienst zurück. Gerne. Rodi sah ich zuerst beim Service im Frühstücksraum, immer bester Laune. Ich las sein Namensschild und sprach ihn mit seinem Namen an. Das freute ihn so, dass ich nachdenklich wurde. Wie gehen andere Patienten mit ihm und seinesgleichen um? Freundlichkeit scheint nicht immer das Normale zu sein. Rodi trägt jeden nur entbehrlichen Euro seines Verdienstes in ein Tattoostudio. Auf den Armen ist noch Platz für geplante phantasievolle Kreationen. Von Jörgs Tattoos werde ich die maritimen Motive und den Namen seines Sohnes besonders in Erinnerung behalten.
Von Fabrice aber seine Pfiffigkeit: nicht wenigen der alten Patientinnen müssen morgens die Beine gewickelt und abends wieder von den elastischen Binden befreit werden. Und danach wickeln Pfleger sie in mühsamer Handarbeit wieder ordentlich auf. Nicht so Fabrice. Er hat seinen Akkubohrer zu einer schnell drehenden Spindel umfunktioniert.  Damit wird die bisher so unbeliebte Aufgabe mit einem Knopfdruck erledigt.
Und welche Pflegerin kommt morgens als Erste zur Tür herein? Das ist jeden Tag spannend. Ist es das kraftvoll-natürliche Mädchen vom Lande, das vor der Autofahrt zum Frühdienst schon einen ausgedehnten Gang mit dem Hund absolviert hat? Ist es die Zarte mit den leuchtend burgunderroten Haaren und den feinen Piercings in Nase und Mund? Ist es die schmale junge Kopftuchfrau Amani aus Tunesien oder die wortkarge stämmige Deutsche, die sich kaum ein ‚Gute Morgen‘ abringt? Die junge Bente dagegen ist ganz besonders höflich. Sie kommt mittags ins Zimmer und sagt: „Ich bin die Nachmittags-Schwester und heiße Bente“. Als ich mich wundere über ihre besondere Höflichkeit, sagt sie nur: „Das ist mein Anspruch“. Mit uns Alten und unseren Schwierigkeiten im Bad, beim Toilettengang werden sie alle mit links fertig. Sina heißt die dunkelhäutige Pflegerin, die mich duscht. Zum Schluss cremt sie mich sorgsam von oben bis unten ein. Es ist einfach herrlich!  Sina hat sechs Jahre in der geschlossenen Psychiatrie gearbeitet und arbeitet hier meist in der sogenannten ‚Insel‘, bei den Verwirrten.
Amani ist eine junge Muslima aus Tunesien. Sie interessiert mich von Anfang an. Sie spricht ein tadelloses Deutsch, hat bereits zu Hause Deutsch gelernt und auch schon als schlecht bezahlte Pflegerin in Tunesien gearbeitet. Dort sah sie keine Chance auf Verbesserung ihrer Situation und kam vor anderthalb Jahren nach Kiel. ‚Pflegehilfskraft in Anerkennung‘ steht auf ihrem Namensschild. Amani strahlt: Sie hat die Zusatzausbildung an der hiesigen DRK- Schule gerade bestanden. Künftig fällt der ‚-hilfs‘-Einschub auf ihrem Schild weg, und sie verdient auch mehr Geld. Und das braucht sie. Amani hat Ehemann und 3jährige Tochter in Tunesien. Sie hofft so sehr, die Familie bald nachholen zu können.
Und dann gehen noch andere Gestalten täglich von Bett zu Bett: zuverlässig kommt eine Grüne Dame oder ein Grüner Herr vorbei, sie fragen ob man etwas aus dem Bistro möchte. Mit Elisabeth komme ich ins Plaudern. Sie hat jahrelang hier als Schwester gearbeitet und als Rentnerin dann gerne ehrenamtlich weitergemacht. Jetzt seit 15 Jahren. Das Besondere an ihr: sie fährt jeden Morgen, ob Sommer, ob Winter, an die Förde und nimmt in der Seebadeanstalt Düsternbrook ein Bad. Und der Mann? „Der sitzt im Warmen zu Hause. Er ist ein Luftmensch, er war Pilot.“ Ein wenig Luftmensch scheint aber auch sie zu sein. Beide lieben bis heute Ballonfahren in den Bergen. Den eigenen Heißluftballon haben sie allerdings im Alter aufgegeben. Und demnächst, mit 80, muss sie auch als Grüne Dame aufhören. Mit 80 ist in diesem Ehrenamt endgültig Schluss.
Eine Frau mit einem ‚Schreibbrett‘ vorm Bauch informiert über das ‚kulinarische Angebot‘ für den folgenden Tag. Zum Mittag kann man aus zwei Gerichten wählen. Stumme Gestalten, unverkennbar mit ‚Migrationshintergrund‘, wischen den Boden und leeren die Abfalleimer. Physiotherapeuten holen mich aus dem Bett und bringen meinen geschundenen alten Körper an seine Grenzen: Laufen auf dem Gang, Treppenstufen steigen, Gruppengymnastik, vom Stuhl aufstehen und wieder hinsetzen. Einmal bin ich danach so erschöpft, dass ich in Tränen ausbreche. Lukas ist noch in der Ausbildung an der Lubinusschule für Physiotherapie. Azubis wie er werden dort vom Krankenhaus ausgeliehen. Neuerdings laufen hier auch ein paar junge FSJler rum, ein Knabe heißt Mats, ein Mädchen Nami.
Frühstück bekomme ich zuerst im Bett, aber dann werde auch ich in den Frühstücksraum gebracht. Erst im Rollstuhl, dann mit dem Gehwagen, schließlich mit dem Rollator. Da sitzen wir nun, ziemlich stumm. Manchmal lassen sie uns lange sitzen, ehe wir unser Frühstückstablett bekommen. Manchmal warten wir nach Ende der Mahlzeit lange ehe man uns ins Zimmer zurückbringt. Zu wenig Personal. An meinem Tisch warten schon Frau G. aus dem Betreuten Wohnen in Schilksee (war dort gestürzt) und Frau W., die zu Hause nicht mehr zurechtkam. Beide 93. Eine Unterhaltung findet eigentlich nur an einem der Tische statt. Drei Frauen um einen Mann. ‚Hahn im Korb‘ wird er genannt. Ganz hinten sitzt eine große, elegante Frau streng blickend und schweigsam im Rollstuhl. Jetzt am Wochenende ist ihr Ehemann dabei und umsorgt sie sehr liebevoll. Sie hatte die Tage vorher ihr Essen kaum angerührt. Ich erfahre, dass er manchmal bei ihr übernachten darf, kostet angeblich 60 € pro Nacht. Später begegne ich den Beiden im Gang, sie mühsam im Gehwagen. Großer Fortschritt!
Eine Neue wird in den Raum gebracht. Total verwahrlost sieht sie aus, zahnlos. Sie wird neben eine braungebrannte, sportliche Flotte (Typ Ibiza-Witwe oder so) hinten links platziert, scheint dort nicht sehr willkommen zu sein. Scheele Blicke. Keine Worte. Die Pfleger umsorgen die Neue umso mehr mit Suppe, Brei und freundlicher Ansprache – sie wirkt fast verhungert.        
  
 
 
    

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