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Der Bruch (3)
Kapitel 3 – das Festland
Das Festland und die Insel – so heißen die beiden Bereiche der Station GE 4. Auf der Insel sind hinter verschlossener Glastür geistig verwirrte Patienten vorübergehend zu Hause. Mein persönlicher Bereich wird Zimmer 12, ein 2-Bett-Zimmer auf dem Festland. Vorne am Fenster ‚wohnt‘ eine zarte, zurückhaltend-schweigsame Person: Frau K. Automatisch erinnert sie mich an meine verstorbene Freundin Rosi K. – ähnliche Statur, ähnlicher Namen. Frau K. ist jetzt ihre letzten beiden Tage hier, ich erfahre kaum etwas über ihre Situation. Sie umso mehr über meine, denn – kaum angekommen – nimmt freundlich locker die junge Pflegerin Michelle („Sie können Du zu mir sagen“) an meinem Bett für das ausführliche Aufnahmegespräch Platz. Hier scheint jeder Zeit für mich zu haben. Scheint jeder Anteil zu nehmen. Ich bin so froh, hier gelandet zu sein! Meine Vorfreude auf eine ruhige Nacht ist jedoch etwas verfrüht: auch die winzige Frau K. entpuppt sich als eine gewaltige Schnarcherin.
Am Morgen schiebt mich eine andere Michelle, gelernte Altenpflegerin, mit dem Rollstuhl ins Bad und hilft mir mit kundigen Griffen beim Waschen. Dann wird keine Zeit verschwendet, geht es gleich nach dem Frühstück los, aktiv und passiv: erst machen mich 15 Minuten auf einem Ergometer für Behinderte total fertig, und nach einer längeren Erholungspause zwingt mich eine Physiofrau in/an einen hohen Gehwagen. Ich kann nicht glauben, dass ich damit auch nur einen einzigen Schritt tun kann. Kann ich doch kaum die Füße auch nur zentimeterhoch heben, kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Tatsächlich schaffe ich die halbe Flurlänge und werde dafür in höchsten Tönen gelobt. Dann nimmt die freundliche Stationsärztin auf meinem Bett Platz zum Blutabnehmen. Ich fühle mich rundum betreut. Neben mein Bett hat man einen Rollstuhl geparkt, der gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Allerdings währt das nicht lange. Rollstühle sind auf dieser Station eine Rarität. Meiner wird für einen Notfall ausgeliehen. Es heißt, ich bekomme ihn in zwei Stunden zurück.
Aber auch am nächsten Morgen ist der Rollstuhl noch nicht wieder da. Und es kommt noch schlimmer: Ich soll nun im Aufenthaltsraum frühstücken, das ist für meine Verhältnisse eine sehr weite Entfernung. Und die soll ich mit einem Gehwagen zurücklegen. Ich bin ziemlich verzweifelt, das werde ich nie und nimmer schaffen können! Tatsächlich schaffe ich es mit letzter Kraft. Alle bewundern und loben mich, und ich bin fast zu Tränen gerührt. Ich bin ja auch ungewöhnlich empfindlich. Die starken Schmerzen sind meine ständigen Begleiter. Rund um die Uhr werden sie mit Medikamenten nur etwas gedämpft.
Die kleine, schüchterne Frau K. rüstet sich für die Heimkehr. Sie bittet darum, vorher geduscht zu werden – das ist anscheinend kein Problem, muss ich mir merken – macht sich fein. Und sie sagt zum Abschied unerwartet und plötzlich zu mir: „Sie sind eine freundliche Person.“ Dann bin ich erstmal allein in Zimmer 12, das gefällt mir. Ich freue mich auf die ruhige Nacht. Allein, ohne Schnarch-Nachbarin. Jetzt muss nur noch die Nachtschwester vorbeikommen (die kommt stets so um halb neun), dann bin ich ungestört. Zu früh gefreut!
Auf die Nachtschwester warte ich heute bis 23 Uhr. Sie hatten vorher einen Notfall zu versorgen. Dann endlich kommt der Schlaf, kurz. Es ist so etwa zwei Uhr, da weckt mich ein Geräusch. Eine kleine Gestalt huscht umher. „Was machen Sie hier?“, frage ich. Keine Antwort. „Geh raus!“, rufe ich, „das ist nicht Dein Zimmer!“ Keine Reaktion. Ich klingele den Nachtdienst herbei. Inzwischen verschwindet das Gespenst im Bad. Ausgerechnet eine der wenigen unfreundlichen Schwestern kommt. Ich: „Hier ist jemand.“ Sie (dachte wohl, ich spinne) ziemlich genervt und grob: „Da ist niemand!“ Ich: „Im Bad!“ Und da war sie. Eine Frau aus einem der Nachbarzimmer, die im Haus herumirrte. Ich muss an meine alte Freundin Dolly Cornelius denken, die ihre letzte Lebenszeit im Pflegeheim verbringen musste. Da liefen auch so Gestalten rum. Zu Dolly war mal nachts ein Mann ins Zimmer gekommen und hatte sich mit in ihr Bett gelegt. Morgens kommt lächelnd die freundliche Schwester Bente, eine Wohltat. Mein Blutdruck ist besonders hoch – da sind wir ja fast wieder am Anfang meiner Geschichte…
Am Vormittag bringen die Sanitäter eine neue Nachbarin aus der Uniklinik: Frau Th. Sie hat Thrombose im ganzen Körper. Frau Th. ist schweigsam – glücklicherweise auch keine Schnarcherin - und stämmig. Als sie gewogen wird, höre ich: 110kg. Vielleicht ist sie schweigsam, weil ich ihr nicht geheuer bin. Vielleicht, weil ihr nicht gut ist, denn es dauert nicht sehr lange, da beginnt Frau Th. sich zu übergeben. Ich sehe zum ersten Mal die praktischen ‚Kotztüten‘, die man hier verwendet. Ein Beutel mit einer runden Öffnung, gerade groß genug für die beteiligten Öffnungen des Gesichts. Und hinterher gut zu verschließen. Da ich ja eine problemlose Patientin bin, die sich vor allem erholen und wieder fit werden soll, richtet sich alle Fürsorge des Personals nun auf Frau Th. Sie kann im Dunkeln nicht schlafen, also bleibt das Zimmer nachts hell. Sie darf nicht zur Toilette im Bad, also steht ihr Toilettenstuhl am Bett. Und Frau Th. hat Durchfall. Noch weiß man nicht, ob der Norovirus die Ursache ist. Unser Zimmer wird isoliert. Mir ist immer weniger wohl zumute. Ich möchte mich hier auf gar keinen Fall anstecken. Das sehen auch die Pfleger so.
Als ein Zimmer frei wird, darf ich umziehen in Zimmer 1, das zuvor komplett desinfiziert wurde. Ein Zimmer für mich allein. Und da man noch nicht weiß, ob Frau Th. den Norovirus hat und ich mich vielleicht schon angesteckt habe, ist mir mein Zimmer als Einzelzimmer zumindest in den nächsten 48 Stunden sicher. Eine Wohltat. Isoliert bleibe ich trotzdem, man weiß ja nicht, ob ich noch clean bin. Es ist ganz ruhig, nur die Bauarbeiter höre ich manchmal draußen. Kein Klostuhl, keine Kotztüte, kein Stöhnen – herrlich. Pfleger Jörg kündigt an, dass ich bis zu meiner Entlassung in drei Tagen auf jeden Fall allein bleiben darf. Leider ist er machtlos als auf der Station ein freies Bett gesucht und nur bei mir gefunden wird.
Gebracht wird die Künstlerin. Ein Plappermäulchen. Eine Frau, die wegen ihres ‚sprunghaften‘ Blutdrucks schon oft im Krankenhaus war und die ihre Wichtigkeit als Stammpatientin vor sich herträgt. In langen lauten Telefonaten: „Die Oberärzte waren schon hier.“ Die Schwestern erfahren: muss mich hier erst wieder einarbeiten, kann alles essen, koche zu Hause immer Kartoffeln auf Vorrat, der neue Pullover hat schon einen Fleck, muss eine Liste machen, was ich mir noch an Garderobe bringen lassen muss etc.etc., Dann läuft der Fernseher unentwegt. Sie betont ihren edlen holländischen Namen, ist beleidigt, als eine Schwester das ‚van‘ unterschlägt. In der Tat ist der Name ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich ihn googlen kann. Die Dame war Konzertgeigerin.
Ich bin so froh, dass ich am nächsten Tag nach Hause kann.
Traurig, so etwas zu lesen.
Ich habe keinen Zweifel, dass es so ist.
Und das ist nochmal traurig.