Begegnungen


Andrea
 
Ich war vierzehn und verliebt. Zum ersten Mal. Ich kannte Andrea seit diesem Sommer. Jetzt, so dachte ich, sei es höchst an der Zeit, sie endlich einmal ins Kino einzuladen. Meine Freunde tuschelten schon hinter meinem Rücken. Verliebt sein ist schwierig. Mein Problem war ein soziales – Andrea kam aus einer Arztfamilie – ich aus dem Arbeiterviertel. Um mit mir ins Kino zu gehen, brauchte sie den Segen ihrer Eltern. Bei mir war das anders – kein Mensch kümmerte sich um mich.
 
Ich hatte eine Idee. Im Stadtkino lief der Film: „Kanada – Land der schwarzen Bären“. Der Film war mit dem Prädikat „Sehenswert“ ausgestattet. Dagegen konnte niemand etwas haben. „Genau, das ist es“, dachte ich. Und es klappte. Andrea sagte ja. Ihre Eltern auch, allerdings mit der Auflage: Als Anstands-Wauwau würden wir ihre Freundin Traude mitnehmen müssen. Wunderbar, die erste Hürde war geschafft. Mit einer kleinen Lüge dehnten wir die Länge der Vorstellung etwas zu unseren Gunsten, sodass wir noch ein wenig mehr Zeit für uns hatten. Andrea war stolz auf mich und mein Organisationstalent. Es war vollbracht, ich hatte meine allererste Freundin überhaupt, ins Kino eingeladen. Toll!
 
Die Zeit verging im Flug und es kam der Tag der Wahrheit. Treffpunkt: Kino. Ich war viel zu früh da und zitterte meinem Glück entgegen. Souveränität schaut anders aus. Ich dachte immer, ich sei abgebrüht. Aber jetzt war ich zu einem Schisser geworden, der mit den Knien applaudierte. Zu allem Überdruss schoss mir auch noch das Blut in den Kopf und ich brachte kaum einen vernünftigen Satz heraus.
 
Sie war gekommen. Andrea, mein ganzer Stolz! Traude war auch da. Die Mädels freuten sich auf den Film – ich auf den Duft von Andrea. Es standen eine Menge Leute im Foyer. Ich hatte das Gefühl, dass mich jeder bewunderte und dass dieser Tag nur für mich gemacht war.
 
Der Film begann. Ich bin beim besten Willen nicht in der Lage, auch nur eine Szene aus diesem Film zu schildern. Ich weiß nur noch, dass es mir kalt-warm über den Rücken lief und meine Hände feucht wurden. „Jetzt oder nie, leg ihr einfach den Arm um die Schulter und zeig ihr, dass du sie magst“, befahl ich mir. Mein Gott, war das schwer. Meine Strategie war es, bis zehn zu zählen und dann … wieder nix. Irgendwer hatte hinter mir gehüstelt, ich hatte das sofort auf mich bezogen und haderte mit mir selbst. Zum Glück streifte Andreas Hand wie zufällig meinen Arm. Das war die Erlösung. Ich streichelte ihre Hand und sie ließ es geschehen. Andrea flüsterte mir etwas in das Ohr, ich weiß bis heute nicht, ob es den Film betraf oder nur mich. Ich glaubte mich schnurren zu hören, wie einen zufriedenen Kater.
 
Nach der Vorstellung gingen wir Hand in Hand in den Stadtpark. Traude verabschiedete sich ganz schnell. Andrea schmiegte sich eng an mich und ich spürte ihre Haut auf meiner, welch´ ein Gefühl. Ich hätte fast losgeheult vor Glück. Ich weiß nicht mehr, was ich sagte und selbst wenn ich es wüsste, es bliebe mein – unser Geheimnis. Sprachloses Glück.
 
60 Jahre später …
 
Begegnung im Foyer
 
Ich mache mit beim Schreibworkshop Papierflugreise. Barbara, die Seminarleiterin, hat uns mit einer Aufgabe in die Pause geschickt. Wir sollen jeder für sich, 5 Dinge sammeln, die uns irgendwo im Haus oder im Park von St. Virgil ins Auge fallen. „Was soll das?“, denke ich in einem Anflug von Opposition, sage aber nichts. Alle Teilnehmer sind unisono der Meinung, dass es eine kreative Aufgabe sei und sie sich auf den Nachmittag freuen. „Na ja, mal sehen“, sage ich und bleibe skeptisch. Statt im Park zu streunen und zu hoffen, dass mir besagte Dinge ins Auge springen, schlendere ich lustlos durchs Foyer in Richtung Cafeteria. Ein straffer Espresso wird mich erleuchten.


Vermutlich sind es bloß Sekunden. Sekunden, die genügen, um in eine längst vergangene Zeit abzutauchen. Auslöser dieser Zeitreise ist ein Plakat im Foyer des Bildungshauses. Ich schaue direkt in die Augen einer Frau auf dem Foto – und bin elektrisiert! Das ist doch … nein, das kann nicht sein. Ich halte die Luft an, versuche klar zu denken. Und komme zum Schluss, dass ich mich nicht irre. Diesen Mund kenne ich, diese verschmitzten Lippen habe ich vor vielen Jahren spüren dürfen. Damals mit Andrea, meiner Göttin. Es liegt ein ganzes Leben dazwischen, aber es fühlt sich an wie gestern.

Es braucht eine Weile, bis ich zurückfinde in die Realität. Ich lese den Text der Ankündigung und verfalle abermals in Euphorie, denn hier steht: Vortrag mit Andrea Alt-Paulus – Sensorische Integration – Kind-Pferd-Pädagogin – therapeutisches Reiten. Der Name Alt sagt mir nichts, umso mehr aber Andrea Paulus. Das ist meine Andrea. Sie hat also geheiratet und ist Lehrerin geworden, okay. Und Pferde waren schon immer ihre Leidenschaft. Das Wort Integration kannten wir beide nicht, dennoch hatte Andrea in diesem Sinn gehandelt, als sie mich, den Jungen aus dem Abseits, in ihre noble Familie integrieren wollte. Dass es nicht gelang, lag an den Konventionen.
 
Die Pause ist vorbei. Ich komme versonnen zurück. „Wo sind die 5 Dinge?“, fragt Barbara. Ich lächle nur und tippe auf meine Stirn. „Da oben“, sage ich. „Magst du sie auf die Flipchart schreiben?” Sie reicht mir den Stift und ich schreibe: Junge-Mädchen-Pferde-Villa-Glück.

Darüber will ich eine Geschichte schreiben. Wie stark, wie frei, wie naiv sind wir gewesen? Ich glaub‘, ich muss zu diesem Vortrag gehen. Ich will sie fragen.
 
 

©story by ferdinand
©photo by  c-ernesto-gelles-unsplash.jpg
 
 

Kommentare (8)

ladybird

60 Jahre später......gehe ich mit meinem "Andreas" immer noch an unserem Kennenlerntag zum fürstlichen Essen....
Deine "Andrea" machte mir diese Erinnerung, wieder lebendig..
mit Dank und Freude gelesen,
💖lichst 🐞-ladybird-Renate

Eisenwein

@ladybird  

Na dann - Mission gelungen. 
Schön, wenn es Erinnerungen Blüten treiben.💐

Schöne Tage wünscht
Ferdinand

Syrdal


Ja, solche Geschichten liest man gerne, zumindest in den rückschauenden Altersjahren. Diese bewegt, klingt authentisch... rein. Das schönste aber ist, dass sie Erinnerungen weckt, zunächst bei dir, dann aber auch bei vielen Lesern. ؘ– Ich z.B. habe meine Jugendliebe "Andrea" (sie hieß freilich anders) nach fast 30 Jahren plötzlich und unvermittelt wiedergetroffen und... wir haben uns nie wieder verloren. - Auch das wäre eine Geschichte wert,

sagt Syrdal

Eisenwein

@Syrdal  

Das meine ich auch, lieber Syrdal.
Mag sein, dass man uns Alten die Behändigkeit abspricht - die Gefühle aber sind jung geblieben. Das, was dieser Tage "cool” ist, war zu unserer Zeit eben "klasse”.
Grüße aus dem Salzburger Land, Ferdinand

Marlen13

Fand deine Geschichte interessant,
hab sie gerne zu Ende gelesen.
Liebe Grüße ❤️ lichst Marlen 

Eisenwein

@Marlen13  
Vielen Dank für's Durchhalten beim Lesen! 😊
 

Sommerzauber

Mir sind spontan  zwei Worte zu deiner Geschichte eingefallen:

Spannend und.... schön


Ich habe sie sehr gerne gelesen. 


Gruß Katharina/Sommerzauber 🌺

Eisenwein

@Sommerzauber  
Auch zwei Worte: Merci Katharina! 😊

Nostalgische Grüße
Ferdinand

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