Balance

Balance, denke ich.
Das Wetter ist aus der Balance geraten. Es ist Mittag, 32 Grad im Schatten, und die Wetterfrösche versprechen noch mehr. Im Haus herrschen angenehme 23 Grad. Fenster und Läden bleiben geschlossen, die Hitze muss draußen bleiben. Der Garten dagegen liegt regungslos in der glühenden Sonne. Selbst die Blumen scheinen aufzugeben.

Nach dem Mittagessen gönne ich mir ein Nickerchen. Ich schlafe tief. Doch dieses Gefühl aus der Werbung – erholt und voller Energie aufzuwachen – stellt sich nicht ein. Stattdessen fühle ich mich etwas dehydriert. Also zuerst ein großes Glas Wasser, dann ein Kaffee.
Langsam komme ich wieder in Balance.

Leider wartet draußen die Realität.
Der Sohnemann ist im Urlaub. Also übernimmt der Vater das Blumengießen. Eigentlich keine große Sache. Wäre da nicht der berühmte Zettel. Handgeschrieben. Mit einer Schrift, die aussieht wie das Rezept eines Zahnarztes. Jede Pflanze ist genau aufgeführt: wie viel Wasser, wie oft, Brunnenwasser oder Regenwasser.

Ich lese alles aufmerksam durch und denke schließlich nur: Ach was... Wasser ist Wasser. Bei diesen Temperaturen zählt jede Minute. Trotzdem dauert die ganze Aktion fast eine halbe Stunde.

Als Nächstes steht die Bank auf dem Programm.

Meine Karte funktioniert am Bancomaten nicht. Ich probiere es noch einmal. Kaum eingesteckt, kommt sie wieder heraus.
Karte ungültig.

Gut. Das wusste ich inzwischen auch.

Also hinein in die Bank. Modern eingerichtet, hell, freundlich – aber nur eine Mitarbeiterin für alle Kunden. Der Herr vor mir scheint Zeit im Überfluss zu haben. Ich dagegen merke, wie meine Geduld langsam dahinschmilzt. Warum ist sie hier allein?

Zum Glück erscheint eine ältere Kollegin und übernimmt mich.

„Haben Sie noch eine andere Karte?“
„Ja.“
„Dann versuchen wir es mit dieser.“

Sie steckt die Karte ein.
„Bitte den PIN eingeben.“

Genau in diesem Augenblick beschließt mein Gehirn, eine kurze Pause einzulegen.
Nichts.
Leere.
Als hätte jemand den Stecker gezogen.

Ich werde nervös. Dann springt der Motor endlich wieder an. Trotzdem tippe ich den Code zweimal falsch ein.

Balance, denke ich. Ganz ruhig. Bleib in Balance.

Die Mitarbeiterin lächelt und erklärt mir, dass die Bank inzwischen ein neues System eingeführt hat. Die alte Karte brauche ich gar nicht mehr. Eine Karte genügt heute für alle Konten.
Wieder etwas gelernt.

Mit etwas Bargeld in der Tasche fahre ich nach Hause.
Vielleicht etwas zu schnell.

Plötzlich schießt ein Pfosten auf mich zu. Oder ich auf ihn.
Nur mit Mühe kann ich ausweichen.

„Das hat gerade noch gefehlt“, murmele ich.

Zu Hause empfängt mich die angenehme Kühle. Erst jetzt merke ich, dass mein Hemd klatschnass ist. Ich könnte genauso gut gerade aus der Dusche kommen.
Also erst einmal hinsetzen, durchatmen und langsam abkühlen.

Nach und nach kehrt sie zurück.
Die Balance.
Und während ich so dasitze, denke ich:
Du wirst alt.
Ja, gib es endlich zu.
Du wirst älter.

Aber – wenn ich ehrlich bin – hauptsächlich bei 34 Grad im Schatten.
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